Künstler

Roger Nyssen

Freischaffender Künstler und Verfahrensingenieur Jahrgang 1953, in Aachen geboren und aufgewachsen, lebt und arbeitet seit 1980 in Dormagen. Ende 2016, nach einer Ausstellungspause von mehr als 20 Jahren, tritt die professionelle Malerei und Grafik wieder in den Mittelpunkt meines Schaffens. Die kritische Auseinandersetzung mit der Welt in der wir leben beschäftigt mich als Künstler wie als Ingenieur. Neben Aquarell und Druckgrafik - Radierung, Holzschnitt - denen ich seit meinen Anfängen treu bin, widme ich mich heute vor allem der Ölmalerei im großen Format. In meinen Bilderzyklen suche ich nach mythologischen Spuren in naturgegebenen Formen. Eine besondere, christlich-mythologische Spurensuche stellt die Arbeit an dem umfangreichen Zyklus „Domseelen“ dar, eine mystisch-surreale Auseinandersetzung mit Motiven aus dem Inneren des Aachener Doms, die ich seit 2019 in öffentlichen Ausstellungen im Raum Aachen und dem Rheinland zeige. Zu dem Zyklus ist ein Begleitbuch mit allen Abbildungen im Atelier erhältlich.

Als Maler bin ich auch ständig auf der Suche: Nach der scheinbaren Wirklichkeit und verborgenen Geschichten ebenso wie nach neuen Ausdrucksformen. Grundsätzlich arbeite ich im Raum zwischen den klassischen Prinzipien von Intention und Zufall. Ist eine grundlegende Bildidee oder eine Geschichte einmal angelegt, gehe ich oft weiter auf dem Pfad surrealistischer Methoden wie der Frottage oder des automatischen Malens, um versteckte Analogien zu erfahren und sichtbar zu machen.

Öffentliche Ausstellungen ab 2018
09.2018           Aula Carolina, Kunstroute Aachen
11.2018           D’Art 2018, Dormagen
03-04.2019     Denkhaus-Ausstellung, Grevenbroich
09.2019           Catharinakapelle Vaals-Lemiers /
                           Kunstroute Aachen
01-04.2020     Kulturhaus Dormagen, „Metamorphose“
06-08.2020     Museum de Kopermolen, Vaals (NL)
10-12.2020     geplant: Kirche Mariä Heimsuchung,
                           Aachen-Herzogenrath
02-04.2021     geplant: Salvatorkirche Aachen-Stadt



Hat Materie Bewusstsein?

Auszüge aus meiner Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Metamorphose" am 16.01.2020 in Dormagen

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Insofern macht es mir nichts aus, wenn ich heute keine Rechtfertigung zu den Bildern abgebe. Was ich aber tun will ist, ein wenig über das Schauen als Sinneswahrnehmung und die Ideen, die damit verbunden sein sollten, zu reden, selbst auf die Gefahr hin, dass es dem einem oder anderen als völlig absurdes Geschwätz vorkommen mag. Meine eingehende Frage lautet: Hat Materie ein Bewusstsein?
Meine erste Feststellung betrifft das Schauen an sich.
Jeder Mensch schaut anders, aber grundsätzlich gehört zum Schauen auch ein Denken. Leider viel zu oft bleibt es nur dabei und fehlt es an dem Wesentlichen: Den Ideen. Auf die Ideen aber kommt es an, Vorstellung, Vision, Erfindung – wie auch immer man es nennt. Da ist kein Unterschied ob Maler oder Betrachter. Die Krux und gleichzeitig der Reiz an Ideen ist, dass sie trügerisch sind, instabil, man kann sich nicht auf sie verlassen, sie sind mehrdeutig, ambivalent sagt man so schön. Schaue ich ein zweites Mal hin, hat sich die Idee verwandelt und die alte Form ist bestenfalls noch Erinnerung. So komme ich zu meiner 2. Feststellung: Genauso instabil wie die Ideen in unserem Kopf verhält es sich mit der Realität, die wir als Materie glauben wahrzunehmen. Es gibt nicht wenige bekannte Wissenschaftler, Physiker besser gesagt, die einen großen Schritt weiter gehen und Materie als Solches gar verneinen. Sie argumentieren, dass es sie nicht geben kann, da es nie gelingen wird, weder durch Messungen in der Quantenmechanik noch in Gedanken, sie ins Kleinste aufzuspalten. Doch wo es das Kleinste nicht gibt, ist logisch das Nichts. Stellt sich die Frage, womit wir es dann zu tun haben, wenn es die Materie nicht geben kann? Ist es so eine Art von Software, wie einige annehmen? Oder anders gefragt: Ist das Wesen der Materie ihr Bewusstsein und worin liegt dann ihr Sinn? Ich gebe zu, das klingt ganz schön absurd. Als Ingenieur habe ich das Gefühl, das als Bruch in meinem Weltverständnis nicht akzeptieren zu können. Hänge ich doch wie die meisten Menschen so sehr an der Materie, die ich greifen kann. Und akzeptierte ich die Abwesenheit der Materie doch, würde es mir nicht genügen, meine offensichtliche Existenz als imaginäres Nichts zu verstehen. Was fehlt uns also, um das Wesen unserer Existenz besser zu verstehen? Als Maler kann ich der Idee, dass alle Materie ein Bewusstsein hat, gar selbst Bewusstsein ist, eine Menge abgewinnen. Und so begebe ich mich mit Hilfe meiner Art zu Schauen auf Spurensuche, diese Vorstellung oder Vision sichtbar zu machen. Also komme ich zu meiner 3. Feststellung, für die meine Bilder Anreize sein mögen: Weil Materie ein Bewusstsein hat, kann man auch mit ihr kommunizieren. Ob unter uns Menschen, ob mit dem Hund, einer Maschine, ob im Feld, in einer Grube oder im Stein einer Kirche, ich sage es so: Kommunikation mit Materie ist möglich. Wir, der Stein und alles was uns umgibt sind nicht getrennt, uns verbindet ein gemeinsames Bewusstsein, das ich Kommunikation nenne. Für diese Kommunikation braucht es kein Anfassen, nur tieferes Schauen, um die Schwingungen und Wellen zu erfahren. Sozusagen in einer spirituellen Dimension.
Und jetzt fragt ihr: Wo liegt der Sinn des Ganzen, wo ist die Idee? Vielleicht ist es die Verwandlung, die Metamorphose, die das Bewusstsein bewegt: Wäre alles real und starr und würde sich nicht beharrlich und stetig verwandeln, wie langweilig wäre all die schöne Kommunikation und mein Geschwätz. Und wie sinnlos unsere Existenz. Gott sei Dank ist dem nicht so! Der Stein war nie nur Stein, die alten Götter nie unfehlbar und wir selber nie dieselben.