Arbeitsprozess - Radierung

Etwa 40 Jahre lang beschäftige ich mich schon mit der Kunst des Radierens. Diese „alte“ Grafiktechnik fasziniert mich bis heute und ich schätze die mannigfaltigen experimentellen Möglichkeiten mich darin auszudrücken.

Die Radierung verstehe ich nicht als rein technisches Medium zur Vervielfältigung, sondern als Mittel zum Schaffen einer zeitgenössischer Kunst, die ich anderen modernen künstlerischen Medien bewusst entgegen stellen möchte.

Der Arbeitsprozess beginnt immer mit der Idee des Themas als Bildvorlage, dem Original, z.B. als Zeichnung oder Aquarell. Sie wird im nächsten Schritt auf die Metallplatte (Druckstock, z.B. Kupfer, Messing oder Zink) mit geeigneten Mitteln übertragen, abhängig davon, welche der verschiedenen Untertechniken des Tiefdrucks angewendet werden soll, etwa:

  • Direktes Bearbeiten / Zeichnen / Ritzen in die Platte, ohne Ätzverfahren; „Kalte Nadel“, i.A. harte Strichradierung
  • Pausen / Zeichnen / Ritzen in einen Ätzgrund, Ätzen; Ätz-Radierung, feine Strichradierung
  • Übertragung durch Abdecken eines feinverteilten Asphalt- oder Kollophoniumkorns, etappenweises Ätzen mit weiterem Abdecken; „Aquatinta“-Manier, diskrete Graustufen
  • Vollkommenes Aufrauhen der Plattenoberfläche mittels z.B. Wiegeeisen und herauspolieren oder schaben der Helligkeitsstufen; „Mezzotinto“-Manier, Schabkunst, weich ineinander übergehende Flächen bzw. Graustufen
  • Pausen und Durchdrücken des Motivs in einen weichen Ätzgrund, Ätzen; „Vernis mou“, weiche Linien ähnlich Blei- oder Kreidezeichnung

Die Aufzählung zeigt die Vielfalt an künstlerischer Gestaltungsmöglichkeit, deren Ergebnis erst durch den nächsten Schritt final sichtbar wird: Einwaschen der Farbe auf der Platte, Freipolieren der Oberfläche und Abzug auf z.B. Büttenpapier in der Tiefdruckpresse. Mit Ausnahme von einfarbigen Strichradierungen eröffnet die malerische Bearbeitung des Druckstocks, vor allem bei Aquatinta und Mezzotinto, große künstlerische Freiheiten. Daher spricht man auch mit Recht von "Künstlerabzügen", und die Blätter sind als Unikate zu sehen. Sie werden in kleiner Auflagenhöhe gedruckt.

In den Abbildungen soll der Weg vom Original über den Druckstock zum fertigen Druck veranschaulicht werden.

Beispiel Aquatinta Radierung

"Clown", Aquarell als Idee und Vorlage für die Radierung.

Für das Motiv bietet sich die Anwendung der Aquatinta-Manier an, um Farb- bzw. Hell/Dunkelstufen im Druck wiederzugeben zu können. Dabei soll der Ausdruck der geplanten Radierung für sich stehen, es geht nicht um eine genaue Reproduktion des Originals.


"Clown", Aquatinta, Druckstock Kupferplatte.

Das Bild zeigt den Druckstock nach 50 Abzügen, er ist also bereits abgenutzt. Dennoch kann man gut die Hell/Dunkelkontraste und das Korn erkennen. Je dunkler, desto tiefer ist die Körnung, desto mehr kann sie Farbe aufnehmen und so im Druck dunklere bzw. farbstärkere Töne wiedergeben.


"Clown", Aquatinta Farbradierung, Druck auf Bütten

Der oben beschriebene Druckstock wurde in den Farben eingewaschen und die Oberfläche farbfrei poliert. Beim Druck wird die in dem Korn tief verbliebene Farbe auf das Büttenpapier gesaugt, das Motiv erscheint im Negativ.

Diese Form des Farbdruckes von nur einer Platte erlaubt keine identischen Reproduktionen und das ist von mir auch nicht beabsichtigt. Das Einfärben der Platte kann ich wie beim Malen frei gestalten, daher ist jedes Blatt quasi ein Unikat.