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Lebendiger Stein - Living Stone

Auszüge aus dem Interview anlässlich der Eröffnung der Ausstellung 'Lebendiger Stein' am 29.8.2021:

Ortrud Harhues: Deine Bilder wirken auf den ersten Blick abstrakt. Beim längeren Schauen aber meint man Wesen zu erkennen, Menschen, Tiere, Fabelfiguren. Hast du sie absichtlich darin versteckt.

Roger Nyssen: Im Kern ist das genau die Problematik meines Projektes in den Augen der anderen. Abstrakt oder Real? Die allermeisten Betrachter sehen das Abstrakte, ist ja auch legitim, geht es doch an der Wand um die Frage gefallen oder nicht. Ab und zu findet sich aber eine Seele, die über das Reale bzw. Surreale einen Zugang finden. Ich selbst ziehe mich aus der Affäre und sage vage „mystisch-surreal“.

Mystisch, weil ich meine Suche, meine Visionen darstellen wollte.

Surreal, weil ich dem Surrealismus nahestehe, zumindest seine Arbeitsmethoden anwende: Die Frottage, also das Abklatschen in die Grundierung. Und das automatische Malen, dem Betonen des Unterbewussten und des Zufalls. Am Ende bin ich meistens fasziniert darüber, dass das was ich glaubte zu erfinden, doch schon längst im Marmor angelegt war. Der Marmor hatte es nur versteckt. 

Ortrud Harhues: Der eine hier ausgestellte Zyklus heißt „Domseelen“. Worauf bezieht sich der Titel?

Roger Nyssen: ‚Domseelen‘ ist eine spontane Bezeichnung, die ich schon nach dem 2. Bild getroffen hatte. Er bezieht sich auf den Aachener Dom und diesem fantastisch lebendigen Cippolinomarmor, der dort in einzigartiger Weise vor 120 Jahren verbaut wurde. Ich habe immer noch das Gefühl, als wohnt diesem Stein in dieser Marienkirche ein Bewusstsein inne, ein Sinn.

Ortrud Harhues: Mystik hat für dich auch in der Kunst eine große Bedeutung. Kannst du das etwas erläutern?

Roger Nyssen: Die Frage ist sehr gut und doch für mich schwer zu beantworten, wenn ich vermeiden will, mich zu rechtfertigen. Vorneweg: Ich bin kein Mystiker und meine Bilder sind allenfalls utopische Visionen.

Lass es mich so einfach wie möglich ausdrücken. Mystik ist doch die SUCHE NACH GOTT im religiösen Sinn, die FRAGE NACH DEM SINN UND DEM DANACH im philosophischen Sinn. Sie beschäftigt jeden von uns, ob nun Philosoph oder kleiner Künstler. Auch ich lese viel von Laotse, Meister Eckert bis Karl Rahner, und am Ende schwirrt mir der Kopf und ich weiß, dass ich mir nur in einem Punkt sicher sein kann: Die Materialisten unter uns haben nicht recht! Man kann die Welt nicht mit mathematisch-physikalischen Mitteln erklären, beschreiben vielleicht, aber nicht auf ihren wahren Grund schauen. Wir müssen uns eingestehen, je mehr wir glauben zu messen und zu wissen, um so größer werden unsere Zweifel und unser Abstand zur Wahrheit. Was kann ich also selbst als Maler und Ingenieur tun?  Ist es nicht unsere menschliche Verpflichtung, alle unsere Sinne für das Verborgene zu schärfen? Auf den Punkt gebracht hat diese Frage ein holländischer Dichter, K. Schiffers, der am 12. August 2021 verstorben ist, und zwar ungefähr so: „Wir brauchen die Dinge nicht, um sehen zu können; die Dinge brauchen uns, um gesehen werden zu können“.

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